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Presseschau

Hier finden Sie täglich eine kleine Anzahl beachtenswerter Artikel, in der Hoffnung, dass unsere Textempfehlungen etwas zur Steigerung der Empfindungsfähigkeit der Menschen untereinander beitragen.

Logo Krise einer märchenhaften Schatzsuche

Eintrag von Robert John, 28. Oktober 2008

Peter Sloterdijk sieht etwa nicht in der Gier eine Ursache für die Finanzkrise. Er sieht stattdessen "ein echtes Märchenmotiv" am Werk, "das seit dem Beginn der Neuzeit in den Menschen Europas und Amerikas mit archetypischer Energie sich festgesetzt hat. Wir sind im Grunde genommen von der psychischen Struktur her Schatzsucher. Das ist aber nicht eine Sache der Gier, sondern es ist die Bereitschaft allen Ernstes daran zu glauben, dass das Leben dir einen Schatzfund schuldig ist."

Das Gespräch von Frank A. Meyer mit Peter Sloterdijk zur Finanzkrise habe ich in den gestrigen TV-Tipps leider übersehen (3sat, Vis-à-vis, 22.25 Uhr, 27.10.2008). Deshalb reiche ich das Video gleich hier an Ort und Stelle nach. Zuerst war es im Schweizer Fernsehen am 12. Oktober 2008 zu sehen.



Peter Sloterdijk in Vis-à-vis, 12. Oktober 2008, SF 2

Permalink | 8 Kommentare



Ein Kriterium für Unwissenschaftlichkeit?
28.10.08 [14.44]
So weit ich mich erinnere, hat Sloterdijk ungefähr gesagt: "Je mehr Mathematik im Spiel ist, desto weniger wissenschaftlich sind die Wirtschaftswissenschaften." Denn mit Mathematik könne man das Unwissen eindrucksvoll kaschieren. Ob er das auf alle Wissenschaften bezieht? Also zum Beispiel auch auf die Physik, die spätestens im Zeichen der Quantentheorie eigentlich nur noch zugeben kann, wie sehr alles in der Schwebe ist? Aber sich dabei mathematisch äußerst anspruchsvoll gibt?


Re: Ein Kriterium für Unwissenschaftlichkeit?
28.10.08 [22.09]
Ich kann das Zitat zur Mathematik Sloterdijk im Moment nicht zuordnen.

Mit fällt dazu nur ein, dass der Neoliberalismus Gesellschaftswissenschaften wie Naturwissenschaften zu behandeln versucht.

RJ


Re: Ein Kriterium für Unwissenschaftlichkeit?
28.10.08 [22.33]
@ RJ

Es ist ein Zitat aus dem oben abrufbaren Vis-à-vis-Gespräch,
das zu kommentieren hier ja Sache ist. Leider liegt es (noch) nicht schriftlich vor.

LA


Re: Ein Kriterium für Unwissenschaftlichkeit?
29.10.08 [09.20]
Hier die besagte Stelle im Wortlaut:

"(...) dass wir seit 200 Jahren eine Wirtschaftswissenschaft haben, die keine Wissenschaft ist (bzw.) eine Wissenschaft, die ihre Unwissenschaftlichkeit hinter einem Riesenaufwand an Mathematik verbirgt. Das kann man übrigens in allen Wissenschaften sehen: je unwissenschaftlicher sie sind, desto mathematischer werden sie. Die positivistische Psychologie unserer Tage, die den Menschen eigentlich überhaupt nicht mehr kennt, arbeitet auch sehr gern mit mathematischen Modellen. Und die Wirtschaftswissenschaft im letzten halben Jahrhundert ist ja ein reines Spielfeld für mathematisierende Spinner geworden."

P. S. führt zwar als weiteres Beispiel lediglich die empirische Psychologie an, aber die heutige Hirnforschung (ähnlich in weiten Teilen "Bewusstseinsforschung" und "philosophy of mind"), die sich gelegentlich als die einzig kompetente Geistes-Wissenschaft darstellt, schießt doch ebenfalls mit ihrer Exaktheit so haarscharf wie konsequent am Ziel vorbei. Die Quantenphysik gesteht wenigstens die große Verlegenheit ein, in welche die naturwissenschaftliche Vernunft geraten ist, seit sich gezeigt hat, dass die Natur doch Sprünge macht statt mit deterministischer Stetigkeit die Forscher alle Unklarheiten beseitigen zu lassen. Hier scheint die Mathematik also gerade zur Kronzeugin des weisen Nichtwissens zu werden und keineswegs zur schärfsten Waffe moderner Sophistik, wie wir es auf dem Felde der "humanities" beobachten können.

L. A.
http://www.philosophieblog.de/allmann


Mathematik
29.10.08 [16.31]
Mathematik und Logik an sich werden immer überschätzt. Mathematik ist aber unvermeidlich, weil sie eine detaillierte, viel genauere und strukturierte Kommunikationsart ist, mit der u.a. Relationen besser verstanden werden können. Immer mehr wird aber viele Grunddisziplinen der eigentlichen Wissenschaft verletzt. Es muss nur so von Fachbegriffen wimmeln und von höhere Mathematik gefüllt sein, dann stellen viele DIE Frage nicht mehr: „Lässt es sich beweisen?“. Was vom Märchen vom „Kaisers neue Kleider“ was hat.
Mathematik hat dabei noch so einige Tricks drauf. So kann die Größe der Sonne, oder die der chemischen Elementen, oder > 2te-Dimension in einer 2D-Welt(mit Zahlen auf einen Stück Papier) erfasst werden.
Mit Mathematik allein – sprich, ein Mensch sitzt am Tisch und rechnet nur mit Zahlen – würden wir keinen Hauch der Realität erreichen. Selbst die Anomalie des Wassers lässt sich nicht so irgendwie mit Zahlen herleiten. Dafür benötigt man praktische Beobachtungen und die Mathematik dann mit den Messwerten als Kommunikationsmittel.

Zitate von Einstein:
Durch bloßes logisches Denken vermögen wir keinerlei Wissen über die Erfahrungswelt zu erlangen; alles Wissen über die Wirklichkeit geht von der Erfahrung aus und mündet in ihr.

Gott kümmert sich nicht um unsere mathematischen Schwierigkeiten. Er integriert empirisch.

Mathematik ist die einzige perfekte Methode, sich selber an der Nase herumzuführen.



Neoliberale Mathematik
25.01.09 [22.05]
Ich kann Ihnen versichern, dass mir als Neoliberalem die fortschreitende Mathematisierung der Wirtschaftswissenschaften komisch vorkommt, da es mich viel mehr an staatssozialistische Herangehensweisen erinnert. Der Glaube man könne etwas so komplexes wie ein Wirtschaftssystem von oben herab durchrechnen hat für mich etwas naivies. Einer der Gründe weswegen ich Anhänger der Marktwirtschaft bin.

Natürlich kann man mit Mathematik viel Unsinn verdecken. Das funktioniert mit Sprache aber auch wunderbar. Ich finde da gibt es viele schöne Beispiele in den Geisteswissenschaften.
Ein hohes Maß Mathematik ist aber nun mal Voraussetzung für bestimmte Wissenschaftsgebiete.
Ich bin sehr froh, dass Maschinenbauer nicht erstmal postmodern darüber diskutieren ob die mathematische Statik nicht auf einer gesellschaftlichen Konstruktion im Falschen beruht.


Re: Neoliberale Mathematik
26.01.09 [21.50]
Der "neoliberalen Mathematik" geht es nicht darum, "etwas so komplexes wie ein Wirtschaftssystem von oben herab" durchzurechnen, wie Du schreibst. Die ganze Rechnerei soll vielmehr dazu dienen, neoliberale Politik als "richtig" oder "wahr" zu erklären. Mathematik kann aber keine Ideologie/Wertvorstellung "beweisen".


Management lernt man nicht im Hörsaal
28.02.09 [22.16]
...sehr aufschlussreicher "Blickwinckel":

"Aus diesem Blickwinkel ist die Ausbildung der Manager ein gewichtiger Teil des Problems. Über Jahre hinweg haben die Business Schools einen ausgesprochen analytischen, abgehobenen Management-Stil beworben, der Unternehmen in den Abgrund gezogen hat. Jahrzehnt für Jahrzehnt haben die amerikanischen Business Schools knapp eine Million Absolventen hervorgebracht. Die meisten von ihnen dachten, nach ein paar Jahren des Herumsitzens seien sie vorbereitet auf Management. Im Gegenteil.

Denn Management ist Praxis, lernen kann man das nur in der richtigen Umgebung – und nicht im Hörsaal. Beispiel Harvard: Dort wird man zum Leader, indem man hunderte von Fallstudien liest. Jeweils am Tag, bevor man im Seminar vorschlagen soll, was die Firma zu tun habe. Gestern also wusste man noch nichts über Firma X, heute tut man so, als würde man über deren Zukunft entscheiden. Was für eine Führungsperson erzeugt das?


Der obige Auszug ist aus einem Artikel der wirtschaftswoche-online.
Der Verfasser,Henry Mintzberg ist Professor für Management an der McGill Universität im kanadischen Montreal. Er arbeitet zurzeit an einer neuen Studie. Ihr Titel: „Die Überwindung von Smith und Marx: Für eine ausgeglichene Gesellschaft“ (Getting Past Smith and Marx: Toward a Balanced Society). Und, der Herr Professor wird sehr deutlich:
Legale Korrumpierung im Management

"Das Problem hätte schon jahrelang offensichtlich sein müssen. Die Bezahlung von Führungskräften – das offensichtlichste Beispiel für die legale Korrumpierung im Management – bezeichnete das Magazin „Fortune“ bereits vor 15 Jahren als skandalös. Während Amerika sich immer mehr in einer Liebesaffäre mit dem Prinzip der Leadership hineinstürzte, entfernten sich die Konzernlenker mit immer obszöneren Gehaltsmodellen genau davon. Und das, während sie Tugenden wie Teamwork und nachhaltiges Wirtschaften weiterhin in den Himmel hoben.

Zu diesem Scheitern gehört auch das Prinzip der Planung. Viele Unternehmen sind zu Experten in Sachen Planung geworden: Geschäftspläne für Investoren, Strategie-Pläne für alles andere. Die Umsetzung stand auf einem ganz anderen Blatt. Ein Manager, den ich kenne, lachte einmal über die Debatten in seiner eigenen Firma, wenn es um Powerpoint-Präsentationen für Investoren ging. Es waren Pläne, von denen sie alle wussten, dass sie niemals in die Tat umgesetzt würden. Was sie umsetzten, waren ganze Wellen von Fusionen – mit dem Ziel, größer zu werden als der Mitbewerber, nicht besser."
Quelle:http://www.wiwo.de/karriere/der-soziale-stillstand-amerikas-387876/

Beste Grüße aus Bad Vilbel
Ricci Riegelhuth

PS: Mit Hilfe der Mathematik wurde die eierlegende Wollmilchsau
konstruiert und da herr grennspan sie nicht mehr füttert wird ja alles wieder gut, oder?





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